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Atelierbesuch Beton-en

Eine Reise zum Ursprung der Schweiz und zum Entstehungsort des «Fotobetons». In drei Akten.

beton-en ist eine kleine Betonmanufaktur im Herzen der Zentralschweiz, welche die Dinge mit anderen Augen betrachtet. Deshalb interpretiert beton-en den Werkstoff Beton neu und hat mit dem personalisierbaren Fotobeton ein einzigartiges Produkt geschaffen. Die Manufaktur kreiert individuell bedruckbare Betonprodukte. Diese werden mit viel Leidenschaft und in Handarbeit hergestellt – jedes Objekt ist ein Unikat.

Wo Kunst auf Beton trifft

Wo sich früher Eidgenossen zum Kriegsdienst für fremde Legionen rekrutieren liessen, entstehen heute trendige Produkte in reiner Handarbeit. Christoph Arnolds Label «beton-en» widmet sich ganz der Neuinterpretation des Werkstoffes Beton.

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Atelierbesuch Beton-en

Eine Reise zum Ursprung der Schweiz und zum Entstehungsort des «Fotobetons»In drei Akten.

Dritter Aufzug: Abschied

«Unsere Eltern haben in den 80er-Jahren an einem Hilfsprojekt teilgenommen, unten in Tansania. Deshalb sind wir beide dort auf die Welt gekommen.» Geplant hätten die Eltern eigentlich nur zwei Jahre, sagt Arnold weiter. Aus zwei Jahren wurden vier und aus vier sieben.

Mindestens zwei Tage lässt er die Würfel jeweils aushärten, bevor er sie bedruckt. «Betriebsgeheimnis» erklärt Arnold.

«1990 sind wir dann in die Schweiz zurückgekehrt. Wegen der Schule.» Eine Rückkehr, die vor allem anfangs nicht immer leicht ist: Im Kindergarten zeichnet Arnold braune Lehmhütten der Massai – im Hintergrund färbt er den markanten Urner Berggipfel «Schärhorn» weiss ein. «Im Nachhinein wissen wir, dass uns all die Freiheiten als Kinder schon sehr fehlten.» Auf einmal ist alles geregelt. Das Leben findet nicht mehr auf der Strasse statt, sondern in geschlossenen Räumen. Ob er sich denn heute ein Leben auf dem schwarzen Kontinent noch vorstellen könnte? Arnold verneint. «Dieser Passion kann ich nur nachgehen, weil die Schweiz so viele Sicherheiten bietet.»

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Unerbittlich klirrt die Eieruhr. Der aufgefüllte Beton hat sich für’s Erste gesetzt. «Damit er sich noch besser verteilt und damit die Struktur gleichmässig wird, muss das Ganze jetzt auf die Rüttelmaschine.» Verschmitzt deckt Arnold ein altes Leintuch ab. Zum Vorschein kommen eine massive Holzplatte und ein alter Autopneu, welche miteinander verschraubt sind: «Eigenkonstruktion.» Er setzt die zuvor so aggressiv wirkende Handfräse unten ein. Unter Strom brummt das feuchte Zement-Kies-Gemisch kurze Zeit gemächlich vor sich hin.

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Was nun folgt, nennt Arnold den langweiligsten und wichtigsten Schritt zugleich: «Erst die ideale Raumtemperatur, die richtige Luftfeuchtigkeit und genügend Zeit lassen den Beton zu dem werden, für was er schlussendlich steht, was ihn auszeichnet.» Mindestens zwei Tage lässt er die Würfel jeweils aushärten – hier unten, wo sich früher wohl die Schicksale tapferer Männer entschieden – bevor er sie bedruckt. «Betriebsgeheimnis» erklärt Arnold. Es ist Zeit zu gehen. Vorbei an den unsichtbaren Bergen aus Granit und vorbei an Tell.

Text: Shangwe Arnold
Fotos: Fabian Schönenberger

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Eine Reise zum Ursprung der Schweiz und zum Entstehungsort des «Fotobetons»In drei Akten.

Zweiter Aufzug: Eintritt

Eine laute Fräse weist den Weg – unaufgefordert, unaufhörlich und unaufhaltsam. Ein wohlig warmer Duft von verbranntem Holz beschlägt plötzlich die kalten Nasenschleimhäute. Der Raum ist voller Holzstaub. Holzspäne tanzen im Takt der Handfräse, um schliesslich auf den Boden zu fallen. Arnold sägt gerade die einzelnen Teile der Negative aus Schaltafeln zu – der erste von fünf Arbeitsschritten, wie man alsbald erfährt.

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Mit seinen braunen, nach hinten gegeelten Haaren und dem wild bewachsenen, üppigen Bart, entspricht Arnold einer Mischung aus Hipster und Wilhelm Tell.

Arnold, das ist ein grossgewachsener Mittdreissiger. Die Familie ist seit eh und je so gross gewachsen, dass sie den Übernamen «Grossarnold» trägt. Hier, wo sie alle einen Übernamen tragen, ein guter Deal. Er, der einst eine Maturaarbeit über das Thema verfasste, erklärt später: «Allein in Bürglen, meinem Heimatort, gibt es 13 Personen, welche denselben Namen wie mein Vater haben. Um die einzelnen Personen dennoch unterscheiden zu können, wurden den Familien seit jeher Übernamen zugeteilt. Diese können sowohl positiv als auch negativ besetzt sein.» «Flohnigers» etwa, hätten früher ständig Flöhe gehabt. Die Flöhe seien verschwunden – der Name geblieben.

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Arnold fräst weiter den eingezeichneten Linien entlang – präzise und hochkonzentriert. Die zum Schutz aufgesetzte Chemikerbrille aus Plexiglas unterstreicht dies. Mit seinen braunen, nach hinten gegeelten Haaren und dem wild bewachsenen, üppigen Bart, entspricht er einer Mischung aus Hipster und Wilhelm Tell. Sein grüner Overall, den er sich erst kürzlich für wenige Franken in einem Bauhaus besorgt hat, ist bereits an vielen Stellen mit einer dünnen, weissen Schicht aus Beton und Spachtelmasse beschmutzt. Lässige Turnschuhe runden sein Outfit ab. Erst nach mehrmaligen, immer lauter werdenden, Faustschlägen auf den Holztisch nahe der Eingangstüre, erwacht Arnold aus seinem Flow-Zustand. Die Begrüssung ist herzlich. Kaffeeduft löst alsbald den Duft nach Sägemehl ab.

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Draussen schneit es noch immer. Der Kaffeedunst löst sich rasch auf, irgendwo zwischen Kälte und Eis. Wie kommt es, dass sich ein junger Typ wie er, für ein so einfaches Material wie Beton interessiert? Einem schlussendlich harten, unbändigen Material, das so ziemlich dem Gegenteil der heimelig eingerichteten Familienwohnung im Dachstock entspricht? «Zum einen ist es immer eine Frage der Masse. Beton wurde jahrelang überstrapaziert, immer und überall verwendet.

«Wird Beton dezent verwendet, bringt der Raum die Schönheit des Werkstoffes zur Geltung. Altes Holz im Raum etwa betont wortwörtlich die Eigenschaften von Beton. Beton erhält damit einen stärkeren Charakter.»

Insbesondere in den Siebziger Jahren wurden ganze Stadtteile mit Beton zugepflastert. Beton ist zu einem eigentlichen Synonym für Grossstadtdschungel geworden. Doch liegt dies nicht in der Natur eines so praktischen Werkstoffes?» Jetzt, zurück im Atelier, hält Arnold schützend seine Hand über einen der fertigen Betonwürfel. «Eine Komposition aus wenigen Würfeln reicht aus. Es geht um das Gesamtbild. Eben eine Frage der Masse, Ästhetik halt.» Er spricht von scharfkantigen Würfeln aus Beton, welche er in seinem Atelier selber herstellt und in einem speziellen Druckverfahren mit, meist alten, Sujets versieht. Sie sind die aktuelle Krönung eines jahrelangen Kreativprozesses. Begonnen in der Kindheit mit einfachen Arbeiten aus Holz, Ton oder Speckstein, hin zur Entdeckung des Werkstoffes Beton, während des Studiums in Luzern.

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Arnold schlägt ein blaues Plastikgefäss mehrmals auf die Werkbank, um aus ihr harte Betonreste herauszulösen. Ein feuchter Schwamm hilft ihm dabei. Es ist Zeit die Betonmasse anzurühren. Wie ein geübter Koch fügt er die einzelnen Zutaten hinzu: Zement, Kies und Wasser. Rühren. Noch etwas Wasser. Rühren. In die zuvor gefertigte Form damit. Metallspachtel ersetzt Stabmixer. Eieruhr bleibt Eieruhr. Er stellt die Zeit auf zwölf Minuten.

«Wird Beton dezent verwendet, bringt der Raum die Schönheit des Werkstoffes zur Geltung. Altes Holz im Raum etwa betont wortwörtlich die Eigenschaften von Beton. Beton erhält damit einen stärkeren Charakter.» Der Künstler in ihm dringt durch. Arnold versucht entgegenzusteuern: «Zudem geht es auch um abstrakte und einfache Formen und den Prozess dahin.» Unleserliches Zahlengekritzel auf herumliegenden Notizblättern unterstreicht diese andere Seite Arnolds: Es ist die mathematisch-rationale Seite. Sie sorgt dafür, dass die Gewichte der einzelnen Produkte so optimiert sind, dass sie beim Paketversand die nächst höhere Preisstufe nicht erreichen. Eine Arbeit, die ihn Wochen kostet.

Atelierbesuch Beton-en

Die Türe zum Atelier öffnet sich einen kleinen Spalt weit. Die Augen suchen nach einem Grund dafür. Erst beim zweiten Absuchen bleiben sie weit unterhalb des Türgriffs stehen. Kleine Wollfäustlinge kündigen Besuch an. Es ist sein Sohn, im Schlepptau seine Mutter und Arnolds Ehefrau. Die junge Familie lässt für kurze Zeit den Tag spielerisch Revue passieren. Die beiden verlassen alsbald wieder das Atelier. Das Essen schreit.

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Atelierbesuch Beton-en

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Die kurzen Blicke auf den aufpeitschenden See lassen nichts Gutes erahnen. Der herrliche Spätherbsttag verwandelt sich innerhalb dreier Tunnel in eine trotzige und garstige Szenerie, welche den Winter ankündigt. Die lange Dunkelheit im Zugabteil lässt einem genügend Zeit, die Eindrücke der wenigen, offenen Streckenabschnitte in sich aufzusaugen und zu verarbeiten.

Atelierbesuch Beton-en

Wo im Spätmittelalter junge Männer gegen wenig Entgelt ihr Leben fremden Heeren übertrugen, befindet sich heute, unten im Haus, das Atelier von Christoph Arnold. Sein Label «beton-en» widmet sich ganz der Neuinterpretation des Werkstoffes Beton.

Und noch mehr. Unweit von hier befreit sich Tell von seinen Widersachern. Die nun meterhohen Wellen lassen ihn mit einem kräftigen Sprung das Weite suchen – nicht aber ohne zuvor das Boot mit dem verhassten Landvogt Gessler zurück in den stürmischen Urnersee zu stossen. Es ist der Auftakt zur Wende in Schillers Werk. Von Weitem lässt sich durch das nun eingesetzte leichte Schneegestöber, ein sich ständig wieder aufblinkendes, warmes Licht erkennen. Es ist die Sturmwarnung auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, in Isleten. Sie und die wenigen mutigen Windsurfer kündigen die wiederkehrende Realität an. Der Zugschaffner kündigt den nächsten Halt an: «Flüelen».

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In Altdorf schneit es bereits fingerkuppengrosse Schneeflocken aus den tiefliegenden, watteähnlichen Wolken. Eine erste Schicht aus Zucker hat sich über den Urner Hauptort gelegt. Die mächtigen Berge aus Granit und Gneis, welche den Talkessel umgeben, lassen sich nur erahnen – Gitschen, Bristen und wie sie alle heissen. Es ist Sonntag. Die wenigen Personen, welche sich dem kalten Gemisch aus Wind und Flocken entgegenstellend, durch den Schnee stapfen, tun dies mit einer gewissen Genugtuung. Sie grüssen freundlich.

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Eine Allee aus einer Betonmauer zur Rechten und einem schneebedeckten Gestrüpp zur Linken bildet die Zufahrt zu einem prächtigen Herrenhaus. Es ist das Crivellihaus in der Herrengasse, dem nördlichen Dorfeingang zu Altdorf. Der wuchtige Steinbogen und die darunterliegende, detailliert verzierte Eingangstüre aus Eichenholz, lassen einen die Geschichtsträchtigkeit dieses Ortes erahnen. Das Bürgerhaus diente früher einer wohlhabenden Magistratenfamilie als Verwaltungssitz für die sogenannte Reisläuferei. Ganze Heerscharen unerschrockener Eidgenossen dienten dabei im Kriegsdienst spanischen, neapolitanischen und französischen Herrschern. Hier im Crivellihaus liessen sie sich der jeweiligen Seite zuteilen, um sich Tage später auf den europäischen Schlachtfeldern die Köpfe – oder wie die Urner zu Pflegen sagen, die «Grinden» – einzuschlagen. Brüder, die Brüdern für den versprochenen Sold blutig das Leben rauben.

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